Die Omnizedenz
Die Omnizedenz denkt Wirklichkeit als das Ganze im Werden. Das Ganze ist vollständig, aber nicht fertig. Unterschiede und Beziehungen entstehen miteinander, und was in den Teilen geschieht, verändert den Zusammenhang, dessen Teile sie sind.
Der Name
Omnizedenz verbindet omni — alles, das Ganze — mit Zedenz. Zedenz ist eine bewusste Wortbildung aus Transzendenz, indem das trans- entfällt. Nicht das Überschreiten in ein Jenseits steht im Mittelpunkt, sondern der Vollzug selbst: das Ganze, das nicht jenseits seiner selbst tritt, sondern sich in seinem Werden vollzieht.
Warum ein neues Wort? Weil Begriffe wie „Gott“, „Natur“, „Geist“ oder „Transzendenz“ bereits bestimmte Gegenüberstellungen mitführen. Omnizedenz versucht nicht, eine weitere Seite dieser Gegensätze zu benennen, sondern die Wirklichkeit zu denken, innerhalb derer solche Unterschiede überhaupt entstehen können.
Der Ursprung ist das Ganze im Werden
Der Ursprung ist kein vergangener Zustand und kein unveränderlicher Punkt hinter der Welt. Er ist das Ganze selbst — nicht als fertiges Sein, sondern als werdender Zusammenhang. Entfaltung entfernt sich deshalb nicht von ihrem Ursprung, um später zu ihm zurückzukehren. Sie verändert den Zusammenhang, aus dem sie hervorgeht.
Das Ganze ist vollständig, aber nicht fertig.
Vollständig heißt: Nichts Wirkliches liegt außerhalb des Ganzen. Nicht fertig heißt: Was innerhalb des Ganzen werden kann, ist nicht schon vollständig bestimmt. Das Ganze wird nicht größer, indem ihm etwas von außen hinzugefügt wird. Es wird anders durch die Geschichte seiner Teile, Beziehungen und Formationen.
Differenz in Beziehung
Die Teile des Ganzen sind wirklich unterschieden. Eine Person ist nicht eine andere, eine Erfahrung nicht jede andere. Die Differenz ist deshalb keine Illusion. Zugleich ist ein Unterschied bereits relational: Etwas ist als dieses Etwas auch dadurch bestimmt, dass es von anderem unterschieden ist und zu anderem in Beziehung steht.
Die Grenze ist wirklich. Die absolute Getrenntheit ist es nicht.
Omnizedenz setzt weder fertige Einzelwesen vor aller Beziehung noch ein Ganzes, das seine Teile verschluckt. Unterschied und Beziehung entstehen miteinander. Ein Teil ist eine wirklich unterscheidbare, relativ stabilisierte Position innerhalb eines relationalen Werdens.
Teil, Ganzes und Identität
Wenn Teile und Beziehungen den Zusammenhang des Ganzen mitbilden, bleiben ihre Veränderungen nicht äußerlich für ihn. Daraus folgt einer der tragenden Sätze der Omnizedenz: Was im Teil geschieht, geschieht dem Ganzen. Gemeint ist keine mystische Fernwirkung. Eine Veränderung eines konstitutiven Teils verändert die relationale Konfiguration, deren Zusammenhang dieses Ganze ist.
Identität verlangt dabei keinen unveränderlichen Kern. Sie bezeichnet Zusammenhang durch Veränderung: Identität ist die fortgesetzte Genesis eines Zusammenhangs durch seine Veränderungen. Spätere Zustände gehen aus früheren hervor; die Geschichte gehört deshalb zum Gewordenen und kann nicht einfach aus ihm entfernt werden.
Relation, Formation und Gemeinraum
Einzelne Relationen bilden Muster. Wo solche Muster sich über Zeit reproduzieren und verändern und dadurch Möglichkeiten eröffnen oder begrenzen, sprechen wir von Formationen. Eine Formation ist kein eigenständiges Ding. Sie ist ein historisch stabilisiertes Muster relationaler Rückwirkungen — etwa eine Sprache, eine Familie oder eine Institution.
Daraus entsteht Gemeinraum: ein Möglichkeitsraum, der aus relationalen Formationen hervorgeht und auf die Möglichkeiten seiner Beteiligten zurückwirkt. Unsere Beziehungen verbinden deshalb nicht nur bereits vorhandene Möglichkeiten. Sie können Möglichkeiten erzeugen, die keiner allein besitzen könnte.
Werden, Möglichkeit und Freiheit
Eine frühere Fassung der Omnizedenz sagte: „Notwendig ist das Werden; offen ist seine Gestalt.“ Der gegenwärtige Stand ist vorsichtiger. Prozessualität wird nicht als logisch zwingende Eigenschaft jeder denkbaren Wirklichkeit ausgegeben, sondern als ontologische Grundsetzung dieser Philosophie: Omnizedenz versteht Wirklichkeit als prozessual verfasst.
Kein Zustand besitzt das metaphysische Privileg, der endgültige zu sein.
Das ist die Anti-Telos-These der gegenwärtigen Fassung. Sie sagt nicht, dass jeder Zustand jederzeit beliebig veränderbar wäre. Sie sagt, dass kein Zustand allein durch seinen Status als gegenwärtiger oder angestrebter Zustand zur letzten Form des Wirklichen erklärt wird.
Freiheit ist dabei kein zusätzliches Ding im Menschen. Zunächst bezeichnet sie eine Eigenschaft von Möglichkeitsräumen: Freiheit ist die Offenheit eines Möglichkeitsraums für mehr als einen realisierbaren Verlauf. Ob ein Akteur diese Offenheit tatsächlich nutzen kann, hängt zusätzlich von Wahrnehmung, Reflexion, Körper, Beziehungen und realen Handlungsmöglichkeiten ab.
Hier liegt der Begriff des Spiels. Spiel bedeutet nicht Beliebigkeit und nicht Unterhaltung. Es bezeichnet den Vollzug von Möglichkeiten innerhalb wirklicher Bedingungen. Den Bereich realisierbarer nächster Bewegungen nennen wir Spielraum. Individueller Spielraum ist dabei ein lokaler Ausschnitt und eine Perspektive innerhalb eines relationalen Möglichkeitsraums.
Rekursion mit Gedächtnis
Spiel aktualisiert Möglichkeiten. Aktualisierte Möglichkeiten verändern wiederum Beziehungen und Formationen und damit den künftigen Spielraum. Der Vorgang beginnt erneut, aber nicht am selben Punkt: Frühere Veränderungen sind Teil der neuen Bedingungen.
Deshalb ist die Spirale kein kosmisches Diagramm, sondern eine Prozessfigur: Die Spirale ist Rekursion mit Gedächtnis. Werden besitzt Geschichte.
Bewusstsein
Die ältere Sprache der Omnizedenz beschreibt Wirklichkeit als bewusstes Feld und versteht Bewusstsein nicht als bloßes Nebenprodukt von Materie. Diese Intuition bleibt ein wichtiger Forschungsimpuls, ist im gegenwärtigen Stand aber nicht als geklärte Ontologie auszugeben.
Relationales Geschehen setzt noch kein reflektierendes Subjekt voraus. Bewusstsein kann Möglichkeiten und Beziehungen für einen Akteur erfahrbar machen; Selbstbewusstsein ermöglicht, das eigene Verhältnis zu ihnen zu reflektieren. Offen bleibt, ob Bewusstsein ontologisch fundamental, emergent, graduell oder in einem anderen Sinn feldartig ist.
Was bedeutet „Feld“?
Der ältere Satz „Das Göttliche ist kein Gegenüber — es ist das Feld“ bleibt anschlussfähig, wenn Feld nicht als kosmische Substanz, Behälter oder physikalisches Feld verstanden wird. „Feld“ bezeichnet hier den relationalen Gesamtzusammenhang, in dem Unterschiede, Beziehungen, Formationen und Möglichkeiten entstehen und aufeinander zurückwirken.
Das Feld liegt nicht hinter den Relationen. Es ist kein zusätzlicher Akteur neben ihnen. Ob dieser Gesamtzusammenhang sinnvoll als bewusst, intelligent oder liebend bezeichnet werden kann, ist eine eigene metaphysische Frage und bleibt ausdrücklich offen.
Resonanz
Resonanz bleibt ein wichtiger Begriff, ist aber nicht der Grundstoff der Ontologie. Sie kann ein Beziehungsgeschehen bezeichnen, in dem Beteiligte wechselseitig antworten und sich verändern, sowie eine Weise, solche relationalen Wirkungen wahrzunehmen. Relation ist der grundlegendere Begriff. Ethisch genügt Resonanz allein nicht: Auch geschlossene oder asymmetrische Formationen können starke Resonanz erzeugen.
Resonanzen, keine Beweise
Anschlussstellen zu Physik, Religion, Mythologie und philosophischen Traditionen können helfen, Strukturen sichtbar zu machen. Sie beweisen die Omnizedenz nicht. Eine Feldtheorie der Physik ist keine Ontologie des Bewusstseins; eine biblische oder mystische Geschichte ist keine versteckte Formulierung dieses Systems. Solche Beziehungen werden als Resonanzen untersucht und müssen Quelle, historische Deutung und gegenwärtige Interpretation auseinanderhalten.
Eine Grammatik des Werdens
Omnizedenz ist selbst Teil ihres Gegenstands. Ihre älteren Fassungen werden deshalb nicht rückwirkend geglättet. Die frühere Vorstellung eines Zyklus von Entfaltung und Rückkehr gehört zu ihrer Geschichte; die heutige Fassung versteht Wirklichkeit stärker relational und rekursiv.
Omnizedenz ist eine Philosophie des Werdens von Unterschieden in Beziehung.
Sie ist in diesem Sinn eine Grammatik des Werdens: keine Vorschrift darüber, welchen Endzustand die Welt erreichen soll, sondern ein begrifflicher Rahmen dafür, wie Differenz, Relation, Möglichkeit, Geschichte, Spielraum und Verantwortung zusammen gedacht werden können.
Was sich entfaltet, kreist nicht um seinen Ursprung — es hebt ihn.